Fast vier Jahre ist es her, dass wir unsere zweite Heimat in Italien gefunden haben. Pandemiebedingt haben wir noch nie Ostern in Muggia verbracht, heuer war es soweit. Kurz überlegten wir, ob wir unsere wenigen, kunstvollen Ostereier als Schmuck für die Palmzweige mitnehmen sollten, beschlossen aber dann, uns ganz auf die italienischen Osterbräuche einzulassen.
Kurz vor Palmsonntag reisten wir an. Zartes Grün schmückte schon die Bäume, viele Frühlingsblumen die Wiesen und Beete. Bei unserem ersten Einkauf von notwendigen Dingen im Supermarkt hielten wir Ausschau nach bunt gefärbten harten Eiern, Schokoladeosterhasen und dergleichen, wurden aber nicht fündig. Hingegen gab es riesige, mit Schleifen und buntem Glanzpapier verpackte Eier, offensichtlich mit kleinen Eiern gefüllt, was uns eindeutig zu groß schienen. Und natürlich waren die Ostertauben, die Colombe, allgegenwärtig. Am Palmsonntag sahen wir in den Kirchen keine Palmkätzchenzweige, dafür aber grüne, gebundene Olivenzweige; schön und irgendwie authentisch, aber für den Osterstrauß in der Vase nicht geeignet. Schmücken denn die Italiani ihre Wohnungen nicht österlich? Ulli wurde traurig: Keine Osternester, keine bunten Eier, keine Schokohasen, wie soll denn da Ostern stattfinden? Die Traurigkeit währte allerdings nur so lange, bis sie beschloss, nicht die österreichischen Ostern in Italien zu suchen, sondern sich wie vorgenommen auf Ostern in Italien einzulassen.
Wir schauten uns um, was in unserer Region rund um Triest zu Ostern gebacken wird. Die Colomba aus der Lombardei ist allseits bekannt und längst keine regionale Spezialität mehr, sondern in ganz Europa zu bekommen. Presnitz und Pinza kannten wir bereits, die zu den Ostergebäcken zählen, das ganze Jahr über aber erhältlich sind, die Putizza sahen wir uns näher an, und die Titola war komplett neu für uns. Letztere wird wirklich nur zu Ostern gebacken.
Im Friaul gibt es eine Reihe von Kuchen, die mit dem Kärntner Reindling (oder Reinling) verwandt sind: Gubana, Presnitz, Putizza. Was aber stammt wovon ab? Ein bisschen kommt uns das wie die Frage nach der Henne und dem Ei vor.
Die Gubana ist ein Gebäck aus dem Natisone-Tal, das besonders zu Weihnachten und Ostern gebacken wird und ab und zu auch den Weg nach Triest findet, dort aber so gut wie nicht erzeugt wird. Es ist ein schneckenförmiger Germkuchen, der reich gefüllt wird: Geriebene Haselnüsse, Pinienkerne, wein- oder grappagetränkte Rosinen, Brösel, geriebene Schokolade, Zitronat und Orangeat sowie Rum, Zimt, Zucker und Butter sind die Zutaten, die von einer Teigwursthülle umgeben sind. Die Füllungen variieren und können sehr alkohollastig sein.
Der Presnitz ist auch rund geformt, aber nicht so eng gelegt wie die Gubana oder der Reindling. Die Teigrolle aus Strudelteig ist gefüllt mit gehackten Walnüssen und Mandeln, Pinienkernen, Rosinen, fein geschnittenen Trockenfeigen, Dörrzwetschgen und -marillen, Schokolade, Zucker, Zimt, Nelken und Rum. Der Legende nach sei das Gebäck bei einem Backwettbewerb anlässlich des Besuchs der Kaiserin Sisi in Triest entstanden und preisgekrönt worden. „Premio Principessa“ wurde verballhornt zu Presnitz. Dagegen spricht jedoch die Tatsache, dass diese Mehlspeise schon früher als Ostergebäck nachgewiesen wurde. Die offene runde Form soll die Dornenkrone von Christus versinnbildlichen. Der Ursprung liegt höchstwahrscheinlich in Slowenien, wo es Presnec heißt. Später wurde es in den Triestiner Dialekt eingemeindet.
Die Putizza ist ebenfalls slowenischer Provenienz, Potica, und wird aus gerolltem Hefeteig und verschiedenen Füllungen zubereitet. In Slowenien kennt man angeblich mehr als 80 verschiedene Füllungen, zu den häufigsten slowenischen Potica-Sorten zählen Walnuss-, Haselnuss-, Mohn- und Topfenpotica. In Triest und im umliegenden Karstgebiet wird sie mit Nüssen, Rosinen und Schokolade, Aromen wie Zimt, Nelken, geriebener Zitronen- und Orangenschale und etwas Alkohol, meist Rum, gefüllt. In Friaul-Julisch-Venetien wurde 2016 die Putizza als traditionelles Lebensmittel anerkannt, was die Slowenen auf den Plan rief, die diese Süßspeise bei der Europäischen Kommission für sich reklamieren.
Auch die Pinza ist ein Ostergebäck, das den Schwamm symbolisieren soll, mit dem ein römischer Soldat Jesus am Kreuz Essig reichte. Die echte Pinza wird in einem dreistufigen Hefeteigverfahren hergestellt, das über zwei Tage dauert. Nur so wird sie besonders zart, saftig und gleichzeitig luftig-flaumig. Die Pinza aus Triest verbreitete sich in der Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie über Görz nach Slowenien und Kärnten, von da in die Steiermark und weiter bis in die Hauptstadt des Habsburgerreichs. Hier wie dort wird sie häufig mit dem Osterschinken, Kren und Eiern gegessen und nicht nur mit Süßem.
Zuletzt sind wir auf die Titole gestoßen. Die Titola ist ein kleiner Hefezopf, mit einer Art Schlinge am Ende, in die ein rot gefärbtes Ei eingesetzt wird. Nach der Überlieferung vor allem aus der griechischen und serbischen orthodoxen Kultur soll ihre Form an die Nägel der Kreuzigung und die rot gefärbten Eier an die Steine erinnern, auf die das Blut vom Kreuz getropft ist.
Unsere Neugier brachte also in den Ostertagen schöne, interessante und intensive Begegnungen mit österlichen Backwaren, die sehr stark mit der Region und ihren Menschen verbunden sind. Wir haben alle ausführlich verkostet und genossen. Darüber hinaus haben wir uns auch eine Colomba von unserem muggesaner Lieblingsbäcker Elzieri gekauft und sie nach Wien mitgenommen. Mit Freundinnen und Freunden verkostet wollen wir keine andere mehr – fast schmelzender, luftiger Teig, köstliche Schoko-Nuss-Fülle und eine kurze Haltbarkeit im Gegensatz zu denen von Großherstellern, was für ein reines Naturprodukt spricht.




