La Grande Épicerie de Paris

      Wenn wir in Paris sind, ist das ein Pflichtbesuch: Der größte Feinkostladen von Paris, einer Stadt, die wahrlich nicht arm an tollen Feinkostläden bzw. Épicerien ist. La Grande Épicerie ist ein Teil des angeblich ersten Warenhauses der Welt, dem „Le Bon Marché“, das früher „Au Bon Marché“ geheißen hat, auf Deutsch „preiswert“, was es heute nur noch bedingt ist.

      Gegründet 1838 von den Gebrüdern Videau wurde das Geschäft vom Ehepaar Boucicaut übernommen und zu dem ersten Großkaufhaus entwickelt, das Vorbild für viele weitere Pariser Warenhäuser und in der ganzen Welt geworden ist. Am Ende des 20. Jahrhunderts kam es nach der beeindruckenden Erfolgsgeschichte der Familie Boucicaut in den Besitz des Luxusmarkenkonzerns „Moët-Hennessy – Louis-Vuitton“ (LVMH), der es jetzt als High-End-Warenhaus führt. Das riesige Gebäude, das um 1870 unter der Mitwirkung von Gustave Eiffel erweitert wurde, beherbergt also nun vor allem Luxusmarken. Gegenüber an der Ecke Rue du Bac und Rue de Sèvre wurde bereits 1923 ein „Comptoir de l’Alimentation“ errichtet, eine „Lebensmitteltheke“, an der vorerst feine Teesorten und hochwertige Konserven verkauft wurden. Schon bald wurden Länderschwerpunkte gestaltet, in denen typische Erzeugnisse ausgestellt und angeboten wurden, wobei die Inszenierung der frischen Produkte zu der damaligen Zeit ein einzigartiges Spektakel war. Erst 1978 erblickte die „Grande Épicerie de Paris“ das Licht der Welt und bot eine dermaßen große Vielfalt an Lebensmitteln an, dass sogar die anspruchsvollen Gastronomen der Umgebung hier bestellten und einkauften. Heute ist in diesen Hallen mit über 5.000 Produkten eine beeindruckende kulinarische Sammlung anzutreffen, die im darüber liegenden „Bon Marché“-Home noch mit Küchenutensilien und Haushaltswaren aller Art ergänzt wird.

      Die fortschrittliche Sozialfürsorge für die Angestellten des „Bon Marché“ im 19. Jahrhundert wäre noch eine weitere interessante Geschichte wert, nachzulesen unter anderem auf Wikipedia, aber wir wollen uns nun dem enormen Angebot widmen, dessentwegen wir so gerne in die Grande Épicerie schauen kommen. Da wir uns auf Reisen nicht sonderlich abschleppen möchten, kaufen wir nur solche Sachen, die wir in Wien oder Triest nicht finden und die wir „unbedingt“ brauchen. So kommen fallweise auch ein paar Kilo Mehrgepäck zustande.

      Während Ulli sich zielstrebig bei den Backwaren umsieht und immer etwas Besonderes findet, sei es eine seltene Schokolade zum Schmelzen oder ungewöhnliche Dekorationen, zieht es Johannes erst einmal in den Weinkeller, nur zum Schauen. Dabei bleibt es meistens auch, denn Flaschen erhöhen das Reisegewicht gewaltig und inkludieren eine latente Bruchgefahr. Er sieht sich gerne nach den neuen Trends um, im Augenblick scheinen französische Wodkas in Mode zu sein, wahrscheinlich um die russischen zu vermeiden, und französische Bitterliköre, die den italienischen nachempfunden werden. Später auf dem Heimweg finden wir ein junges Aperitif-Lokal, das „Amaro“ heißt, mit einem wunderbaren selbstgemachten Bitter auftrumpft und kreative Aperitifcocktails mit kleinen italienischen Häppchen serviert. Zurück im Weinkeller der Grande Épicerie: Die Rosé-Abteilung ist natürlich auch wie immer eine Freude, so eine große Auswahl es gibt nur in Frankreich. Auch die legendäre Aperitifkultur Frankreichs findet hier selbstverständlich ihren Niederschlag. Und, was bei uns rar ist, gibt es hier immer eine große Auswahl von Demibouteilles, also Wein in 0,375-Liter-Flaschen, die sehr praktisch sind, wenn man nicht so viel oder unterschiedliche Weine trinken will, ohne später verschiedene Flaschen mit Weinresten aufheben zu müssen.

      Wir treffen uns bei den Gewürzen. Der lange Gang ist bestückt von vielen großen und kleineren Gewürzproduzenten; wir kaufen diesmal Puder von Zitrusfrüchten: Orange, Mandarine und Bergamotte. Wir verwenden diese nicht nur zum Würzen, sondern auch als farbgebendes und aromatisches Puder, um zum Beispiel das Äußere von Aperitifgenüssen zu ummanteln. Wir wandern rund um die Frischeinsel von Obst und Gemüse, wo mit besonderen Lampen die Ware in bestes Licht gerückt wird, und kommen zu den Abteilungen jeweils für Milchprodukte, für Käse, für Fisch und Meeresfrüchte, für Fleisch, Geflügel, Wurst, Brot, Teigwaren, ethnische Küchen, usw. Auch da gibt es viel zu sehen. Der Fleischer diskutiert mit einem Kunden über die Cuts und die Möglichkeiten, sie ideal zu verarbeiten, an der Käsetheke berät die Verkäuferin eine Kundin für eine ausgewogene Käseplatte mit Spezialitäten aus dem Burgund und der Fischverkäufer filetiert für eine Dame mit schnellen Bewegungen einen St.-Petersfisch und überzeugt sie, die Karkassen für die Herstellung eines Fonds unbedingt mitzunehmen.

      Wir kaufen nichts Frisches, weil wir in einem Hotel wohnen und keine Kochgelegenheit haben. Das ist immer der Moment, in dem wir bedauern, selbst für wenige Tage kein Appartement gemietet zu haben. Die Zeit wird uns aber ohnehin immer zu kurz, warum sollen wir dann auch noch kochen, beruhigen wir uns wieder. Wir machen noch einen Abstecher zum Wasser, das in Hunderten Flaschen in Wandregalen präsentiert wird, zum Bier aus aller Welt und dann noch kurz zum Tee und Kaffee, um an den Süßigkeiten vorbei zu den gerade aktuellen Präsentationen zu gelangen. Momentan ist Portugal das Thema, das auf Wagen, Stellagen und Tischen vor dem Publikum ausgebreitet wird. Wir kaufen eine spezielle Dose Tintenfisch und entschließen uns dann zur Kassa zu gehen. Diesmal haben wir uns zurückgehalten …

      Eindrücke