Auch ein Spaziergang ist ein Vergnügen, das im weitesten Sinne als kulinarisch bezeichnet werden kann, wenn man den Begriff wie der Duden versteht, dass es sich um eine leicht zu genießende Begebenheit handelt. Und ein mühelos zugänglicher Genuss ist der zwischen Schloss Duino und dem Hafen Sistiana gelegene, ca. zwei Kilometer lange Weg in doppeltem Sinne.
Entlang der Klippen am Meer bietet der „Sentiero Rilke“ großartige Ausblicke auf den Golf von Triest, auf die Schlösser Miramare und Duino, nach Grado, Slowenien und Kroatien. Der Dichter Rainer Maria Rilke soll ihn begangen haben, als er auf Schloss Duino zu Gast war und an seinen berühmten Duineser Elegien geschrieben hat. Seine Schritte auf diesem Pfad sind jedoch nicht belegt, ihm zu Ehren wurde dieser Weg nach ihm benannt. Da dieser Weg erst 1987 befestigt und ausgebaut wurde, hat er zu Rilkes Zeit bestimmt anders ausgesehen – wilder und vor allem einsamer. Heute ist er Teil eines umliegenden Naturschutzgebietes, das einen Pinienwald und die Klippen am Meer umfasst, und die Wanderer werden zum Schutz von Flora, Fauna und Landschaft gebeten, die markierten Wege nicht zu verlassen.
Wochentags außerhalb der Saison ist es ruhiger und vielleicht sogar einsam, so dass es möglich ist, Sätzen aus den Elegien assoziativ nachzuhängen:
„ Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.“
Angesichts der wunderschönen Natur und dem Zirpen der Zikaden kann vielleicht dieser Satz eine Demut auslösen, die wir vor der Schönheit unseres Planeten empfinden sollten.
Der günstigere Start ist von Duino aus. Es gibt dort mehr Parkplätze als in Sistiana. Gegenüber vom kleinen Postamt in Duino steigt man in einen kleinen Park mit einer Picknick-Bank hinauf und beginnt den Weg, der fast durchwegs im Schatten verläuft. Anstrengend ist er nicht, weil die Höhenunterschiede gering sind, gute Schuhe sind trotzdem zu empfehlen, der Weg ist uneben und mit spitzen Steinen versehen.
Es gibt eine Menge Aussichtspunkte, die den Blick auf das Schloss Duino freigeben. Man sieht auf die Küste und bei klarem Wetter bis nach Kroatien. Vom westlichen Teil des Weges ist Triest mit dem Schloss Miramare gut erkennbar, entlang des gesamten Weges öffnen sich Aussichten auf Schloss Duino, auf die Mündung des Isonzo wie auf den neuen, etwas protzigen Porto Piccolo und auf den belebten Freizeithafen und Strand von Sistiana. Der Panoramablick auf die spektakulären Felsen und die Weite der Adria ist immer ein Genuss. Wir verweilen und träumen uns über den Horizont hinaus.
Der Pfad ist mit mediterraner Macchia und Steineichen, Hainbuchen, Sträuchern und duftenden Kräutern gesäumt, auch einige seltenere Pflanzen wie die Terpentinpistazie kann man hier finden. Begleitet wird der Spaziergang im Sommer vom lauten Konzert der Zikaden, die sich jedoch nur ungern zeigen. Hin und zurück dauert der Weg eine gute Stunde, aber man soll sich Zeit nehmen, die Ausblicke und die Details in der Natur zu genießen. Die Aussichtspunkte wurden einst vom k.u.k.-Militär angelegt, um herannahende feindliche Schiffe vor Triest rechtzeitig aufzuspüren. Später wurden sie von der deutschen Wehrmacht genützt und zu Gefechtsständen ausgebaut. Heute werden diese Relikte aus schlimmen Zeiten allmählich von der Natur überwuchert und versteckt. Einige können noch begegangen bzw. besichtigt werden, ein unpoetischer Kontrast zum Dichterweg.
Und wenn im Hinterland vom Rilkeweg eine Osmiza, ein Buschenschank im Karst rund um Triest, geöffnet hat, findet der Ausflug noch mit Prosciutto, Salsiccia, ländlichem Käse und einem hervorragenden Glas Wein sein wahres kulinarisches Ende.